„Ein fremder Takt, der mich heimbringt“
(Text von Annina Gutmann, August 2025)

Fünf Tage lang gehe ich – Schritt für Schritt – in einer anderen Zeit.
Neben mir Speedy, ein zotteliger Halb-Poitou-Esel. Sein Blick ist sanft, seine Schritte schwer und zugleich getragen von einer Klarheit, die nichts beschleunigen muss. Mein Partner und Macarena, eine andalusische Eselstute, folgen uns. Beide teilen dieselbe Ruhe.
Und mit Blue, unserem weissen Labrador, ist unsere kleine Truppe vollkommen.
Fünf Tage, in denen die Zeit ein anderes Maß bekommt.
Ich spüre, wie ich langsamer werde – nicht, weil ich es will, sondern weil die Tiere mir zeigen, wie das Leben wirklich geht: Schritt für Schritt, stetig und entschlossen.
Es ist, als ob ihr Rhythmus mich tragen. Die Langsamkeit verwandelt alles – sie legt sich über die Wege, über meine Gedanken, fast wie ein sanftes Tuch, während die Zeit ihr Drängen verliert.
Die Tage fügen sich zu Etappen, wie kleine Kapitel eines Buches, das nicht geschrieben wird, sondern sich durch das Gehen selbst erzählt.
Wie oft habe ich im Alltag übersehen, wie kostbar gerade dieser einfache, ruhige Takt ist?
Es wäre so leicht…
Nein – es ist so leicht – wenn man es in der Dichte des Alltags nicht verliert!
Warum bloss scheint es manchmal so schwer, nur einen kleinen Schritt aus der gewohnten Spur zu setzen?
Die Natur umarmt mich. Jeder Tag trägt ein anderes Gesicht – Hügel, Wälder, Weite. Und dazwischen Menschen, die stehen bleiben.
In ihren Gesichtern liegt ein Staunen, eine Freude, die wie ein Geschenk zu uns zurückkehrt. Ihre Augen leuchten, als hätten sie etwas wiedergefunden, das ihnen fehlte.
Als ob wir gemeinsam ein altes Wissen berühren: dass Einfachheit genügt, um Freude zu teilen.
Warum berührt gerade diese Einfachheit so sehr?
Vielleicht, weil wir alle nach Momenten suchen, in denen das Herz wieder leichter schlägt…
Ich schaue zu meinem Partner. Unter dem Klang der Schritte treffen sich unsere Blicke. Sein Lächeln trägt eine Zufriedenheit, die ich nicht vergessen werde. Es ist, als würde sich ein langersehnter Wunsch erfüllen – für ihn, und damit auch für uns.
Lange war es ein Wunsch von ihm: Den Pilatus zu umrunden mit zwei Esel und Hund – unseren stillen Begleitern, die uns in einen so wunderbaren Takt des Lebens einladen.
Ich sehe sein Strahlen und frage mich:
Wie oft im Leben erfüllen wir uns wirklich einen Traum – nicht erst irgendwann? Wieviel bleibt viel zu oft ungelebt, weil wir warten?
Wie oft im Leben schieben wir ganz einfach Träume weg, als wären sie für später gedacht?
Wann habe ich beschlossen, dass das Leben erst später beginnt – und nicht in diesem Moment?
Diesmal nicht!
Diesmal sind wir wirklich losgegangen.
Wir zwei – und drei Vierbeiner.
So nah – er und ich.
Sie und wir.
Mit jedem Schritt beständig.
So klar, weil nichts sonst unser Vorangehen hemmt.

Die Esel gehen unbeirrt. Ihre Schritte sind entschlossen und führen uns weit.
Ich lasse mich von ihrer Beständigkeit tragen.
Sie lehren mich, dass Kraft nicht aus Schnelligkeit, sondern aus Verlässlichkeit wächst. Dass der wahre Reichtum nicht in der Weite liegt, die wir schaffen, sondern in jedem einzelnen Schritt, den wir bewusst miteinander gehen.
Mir wird bewusst: Oft ist es nur ein kleiner Schritt, der uns aus der gewohnten Sicherheit führt – und doch öffnet er eine ganze Welt.
Manchmal beginnt Freiheit dort, wo wir die Kontrolle loslassen und uns in den Fluss des Unbekannten begeben.
Das muss Lebendigkeit sein.
Wirkliche Lebendigkeit entsteht nicht in der Wiederholung des Gleichen, sondern in der Begegnung mit dem Neuen.
Jeder Ort, an dem wir eine Weile verweilen, lädt mich ein, still zu werden. Ich entdecke, dass es nicht die Ferne ist, die mich verwandelt, sondern die Nähe – zu den Tieren, zu meinem Partner, zu mir selbst.
Und während ich das spüre, berührt mich ein Gedanke:
Ist es nicht so, dass wir, wenn wir uns auf das Ungewohnte einlassen, immer auch ein neues Stück von uns selbst erkennen?
Ich lehne mich an den Stamm eines Bergahorns und blicke in der Ferne, wo eine Lamaherde weidet.
Ich atme.
Da ist keine Eile, kein Müssen – nur Gegenwart.
So viel Ungewohntes – und so viel Vertrautes zugleich.
Esel, Lamas, Wandern, Unterwegssein – all das ist nicht neu.
Und dennoch fühlt es sich an, als wäre es das erste Mal.
Der Baum trägt mich mit seiner stillen Kraft, als erinnere er mich daran, dass alles bereits hier ist.
Was geschieht, wenn ich diese Haltung mit in meinen Alltag nehme?
Fünf Tage, die wie Lehrmeister sind:
Das Leben darf langsamer sein, stiller -und zugleich voller Tiefe und Weite.
Die Esel haben es mich gelehrt – dass stetige, langsame Schritte uns dorthin bringen, wo unser Herz weicher wird.
Mein Leben hat für eine Weile einen anderen Takt gefunden. Einen Rhythmus, der mich weicher macht, tiefer, wacher.
Vielleicht geht es genau darum: dass wir ab und zu in einen fremden Puls eintauchen, um unseren eigenen wiederzufinden.
Und so frage ich weiter:
Wo halte ich noch fest an meiner Komfortzone?
Welche Erfahrungen warten längst darauf, dass ich sie wage?
Und was könnte geschehen, wenn ich mir im Alltag öfter erlaube, meinen Lebensrhythmus für einen Moment zu verändern?














